Der Rhein als Wildfluss
Seit Menschengedenken hat der Rhein als breites mäandrierendes Band die Tiefebene von Basel bis Bingen beherrscht. Anfang des 19. Jahrhunderts umschlossen zwischen Hüningen und der hessischen Grenze die zahlreichen Gießen und Seitenarme des trägen Stromes eine beeindruckende Anzahl von 2218 Rheininseln und bildeten eine amphibische Zone von mehreren Kilometern Breite. Vor allem zur Zeit der Schneeschmelze, aber auch bei starken Regenfällen kam es immer wieder zu Überschwemmungen. Bei solchen Hochwasserereignissen wurden die Felder überschwemmt, halbe Genmarkungen, ja ganze Dörfer fielen dem Strom von Zeit zu Zeit zum Opfer, der dabei auch immer wieder seine Hauptrinne verlagerte. Im Laufe der Jahre lagerte er mehr und mehr Geröll ab und hob so die Flusssohle, was die Versumpfung begünstigte, da sich dadurch die Abflussgeschwindigkeit verringerte. Zwangsläufig musst sich somit das Hochwassergebiet ausdehnen.
Johann Gottfried Tullas Rektifiaktionsplan
Schon sehr früh versuchten die Menschen durch Faschinen und kleinere Dämme einen bescheidenen Schutz vor der Unberechenbarkeit des Rheins zu erlangen, doch erst der badische Wasserbauingenieur Tulla veränderte den Strom grundlegend. Der in Karlsruhe geborene Johann Gottfried Tulla lebte von 1770 bis 1828. Er war ab 1813 Leiter der Badischen Direktion des Wasser- und Straßenbaus und von der Idee der Rheinbegradigung geradezu besessen. „Kein Fluss der Welt braucht mehr als ein Bett", war sein Argument. Allerdings stießen seine Pläne, den Fluss in ein begradigtes Hauptgerinne von rund 200 Metern Breite zu zwingen, bei den linksrheinischen Anliegern, der bayrischen Pfalz und Frankreich auf wenig Gegenliebe. Erst das Hochwasser von 1816/17 erzeugte bei ihnen einen Sinneswandel. Tulla selbst sollte allerdings nur den Beginn der Rheinregulierung erleben.
Im Jahre 1817 begann er das Projekt mit dem Durchstich von sechs Rheinmäandern. 1876, rund 60 Jahre später, war dann der Rhein „rektifiziert", d. h. „berichtigt", wobei sein Lauf von Basel bis Mannheim um 81 Kilometer gekürzt worden war. Dazu waren durchgehende Hochwasserdämme errichtet worden, die die Siedlungen vor Überschwemmungen schützen sollten. Die Korrektionsarbeiten im Taubergießengebiet erstreckten sich über die Jahre von ca. 1850 bis etwa 1872.
Die örtliche Unterhaltung und Überwachung des Korrektionswerkes wurde ab 1877 dem neu geschaffenen Amt des Rheinwärters anvertraut. Speziell für diese Berufsgruppe wurden entlang des Rheinufers kleinere Wohnhäuser errichtet.
Ein Rheinwärter verfügte über eine Morseeinrichtung, ab 1920 über Telefon und überwachte alle Dämme, Brücken und Schleusen am Rhein und im Altrheingebiet. Gleichzeitig mit der Einführung der Rheinwärterbezirke wurde für den Hochwasserschutz eine Wasserwehr geschaffen. Jede Rheingemeinde hatte entsprechend ihrer Größe mehrere Wasserwehrrotten mit je 20 Mann aufzustellen. Die Zuständigkeit einer Rotte erstreckte sich auf 1,7 Kilometer.
Ökonomische und ökologische Folgen der Korrektion
Natürlich blieben diese Maßnahmen nicht ohne ökologische Folgen, den Zeitgenossen fielen allerdings zuerst die ökonomischen Wirkungen auf: Fischer verloren ihre Fischgründe, doch sie konnten als Arbeiter zum Flussbau wechseln. Mit dem Ausbau des Mannheimer Hafens wurde der Rhein zur verkehrsreichsten Wasserstraße Europas; Mannheim erhielt 1840 den auf lange Zeit größten Binnenhafen Deutschlands.
Doch zu den ökologischen Folgen: Die erhöhte Fließgeschwindigkeit führte zur Eintiefung des Flusses in das Geröllbett. Und hier hat sich Tulla bei der Berechnung der Sohlenerosion gründlich vertan. Der Wasserspiegel sank vielerorts um mehrere Meter ab - südlich von Breisach fraß sich der neue Kanal bis über zehn Meter tief in den Untergrund. Als Folge trocknete dort die ehemalige Flussaue aus und der Grundwasserspiegel sank stark ab. Weiter nördlich wurden abgeschwemmte Sedimente bei abnehmendem Fließgefälle und reduzierter Fließgeschwindigkeit wieder abgelagert. Deshalb muss man ehrlicher weise zugeben, dass Ende des 19. Jahrhunderts die Absenkung des Rheinwasserspiegels auf Höhe des Taubergießengebietes geringer war als andernorts. Aus diesem Grund waren die ökologischen Auswirkungen der Rheinkorrektion auf die Flussauen des heutigen Naturschutzgebietes alles in allem schwächer als in anderen Rheinabschnitten.
Zwar wurde durch die Korrektion das Gewässernetz merklich reduziert, doch überfluteten Hochwasser nach wie vor die Wälder. Zwischen Rhein und Hochwasserdamm blieb deswegen bis zu Beginn der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts der Auencharakter des Gebietes erhalten.
Die Talwegsregulierung 1907 - 1956
Tulla hat den Rhein zwar gezähmt aber nicht gebändigt, so dass der Fluss nach wie vor sein Bett verlagerte, Untiefen und Rinnen schuf. An eine kontinuierliche Nutzung des Oberrheins als Großschifffahrtsstrecke war also auch nach Abschluss der Korrektion überhaupt nicht zu denken. So kam es 1897 durch den Karlsruher Wasserbaudirektor Max Honsell erstmals zur Vorlage eines Bauentwurfes für eine Niedrigwasserregulierung zwischen Straßburg und Sondernheim (Gde. Germersheim). Nach ausführlicher Diskussion im In- und Ausland wurden die Bauarbeiten hierzu 1907 begonnen und 1930 beendet.
Ein neuerlicher Eingriff ins Regime des Rheins wurde 1930 zwischen der Schweiz und Deutschland beschlossen, 1931 begonnen und 1956 abgeschlossen. Ziel war es den Rhein zwischen Istein und Straßburg ganzjährig der Großschifffahrt nutzbar zu machen. Wichtigster Bestandteil der Maßnahme war der Einbau von Querriegeln, so genannten „Buhnen", die vom Ufer aus in Richtung Flussmitte aufgeschüttet wurden, um die künftige Fahrrinne auf 75 Meter Breite zu fixieren.
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Vater Rhein