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Der Wandel der dörflichen Lebenswelt hat auch vor der Gemeinde Rust nicht halt gemacht. Aus dem einstigen Fischer- und Bauerndorf ist ein, zwar durchaus noch ländlich geprägtes, sich aber zunehmend am Fremdenverkehr orientierendes Gemeinwesen geworden. Schnell und auch gerne vergessen wir, wie sich unsere Vorfahren, ja noch die Groß- und Urgroßeltern ihr tägliches Brot erwerben mussten.

Ich möchte daher versuchen ein Bild zu rekonstruieren, das vor Augen führt, welche Möglichkeiten unsere Vorfahren hatten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, ein kulturgeschichtliches Mosaik, das sich aus den Hauptelementen Fischerei, Hanfanbau und dessen Verarbeitung, sowie Tabakpflanzung und Zigarrenindustrie zusammenfügt.

 

Handwerk und Gewerbe

Unser Dorf hatte für seine Bedürfnisse stets ausreichendes Handwerk und Gewerbe, wobei es in früheren Zeiten neben den uns heute noch geläufigen Dorfhandwerkern wie beispielsweise dem Schmied, dem Bäcker, dem Metzger, dem Schlosser auch eine Gipsstampfe, eine Fruchtschrote und eine Ölmühle im Ort gab. In dieser Ölmühle musste ein Pferd mit verbundenen Augen im Kreis herumlaufen, um den Mahlstein anzutreiben. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es hier auch eine jüdische Bäckerei, die die so genannten Matzen, die ungesäuerten Passahbrote, herstellte und damit sogar Juden in ganz Baden belieferte.

Das Landesadressbuch für das Großherzogtum Baden des Jahres 1909 zeigt uns eine Momentaufnahme der Situation zu Beginn unseres Jahrhunderts. Erwartungsgemäß stoßen wir unter den Berufen in der Mehrzahl auf Landwirte, Tagelöhner und Fabrikarbeiter, allerdings auch auf eine überraschend große Zahl von Handwerks- und Gewerbebetrieben. So gibt es 21 Feldsteinmachereien, 9 Fuhrunternehmer bzw. Lohnfuhrmänner, 9 Gemischtwarengeschäfte, 8 Bäckereien, 6 Maurergeschäfte, 6 Schuhmachereien, 5 Schneidereien, 5 Metzgereien , 4 Zimmergeschäfte, 4 Wagnereien, 4 Schreinereien, 3 Schmiede, 3 Fischhandlungen, 2 Gärtnereien, 2 Sattlereien, 2 Küfereien, 2 Schlossereien, 2 Malergeschäfte, 2 Friseurgeschäfte. Dazu kommen noch eine Weinhandlung, eine Eisenwarenhandlung, ein Glas- und Porzellanwarengeschäft, ein Spezereiwarengeschäft, eine Blechnerei, eine Glaserei und eine Ziegelei. So ungewöhnliche Gewerbe wie eine Mützenfabrik , ein Maulwurffänger und ein Flaschenbierhändler ergänzen diese bunte Palette. Diese Angaben erhalten eine besondere Bedeutung, wenn man bedenkt, dass die Gemeinde zu diesem Zeitpunkt lediglich 1833 Einwohner hatte.

 

Die Fischerzunft

Wohl dokumentiert und erforscht ist die Geschichte der Fischer und ihrer Zunft. Schon die erste urkundliche Erwähnung weist Rust bereits als Fischerdorf aus. Aufgrund verschiedener Belege und eingetragener Jahreszahl 1583 auf der Zunftlade sowie dem Zunftschild konnte die Fischerzunft im Jahre 1983 ihr 400jähriges Bestehen feiern. Die älteste noch vorhandene Zunftordnung wurde am 22. August 1588 erlassen. Da es sich dabei um eine Erneuerung einer älteren, nicht mehr auffindbaren Ordnung, handelt, steht fest, dass sich die Fischer im Ort schon viel früher in einer Zunft zusammenschlossen. Die Geschichte der Ruster Fischerzunft ist sehr bewegt. Bereits Ende des 15.Jh. begannen Grenzstreitigkeiten mit benachbarten Zünften. Nach den alten Satzungen wird das Zunftrecht bis heute an die Fischerwitwen und deren Söhne vererbt. Ein jeder Fischersohn hat das Recht im Zunftgewässer zu fischen, nachdem er das 25. Lebensjahr erreicht und die Fischerprüfung abgelegt hat.

Jährlich im Oktober wird der Fischertag gehalten, der wie in all den Jahren mit einer Messfeier zu Ehren der verstorbenen Zunftgenossen eingeleitet wird. Der Zunftvorstand besteht aus dem Zunftmeister, Zunftrechner, Zunftschreiber sowie zwei Beisitzern und hat die Aufgabe die Belange der Zunft wahrzunehmen. Protokolle, Verträge und Urkunden - die älteste aus dem Jahr 1425 - werden in der Zunftlade aufbewahrt. Der Mechanismus ist so gestaltet, dass sich die Lade nur mittels zweier Schlüssel öffnen lässt. Einer ist im Besitz des Zunftmeisters, der andere in der Obhut des Rechners. Zu besonderen Anlässen wird die Truhe in einem feierlichen Zeremoniell geöffnet.

 

Landwirtschaft

Bedingt durch die naturräumlichen Voraussetzungen bildeten Fischerei und Land-wirtschaft seit alters her die Grundlage der Versorgung unserer Dorfbewohner. Die landwirtschaftlich nutzbare Fläche war durch den vielverzweigten Rhein mit seinen Nebenarmen, Gießen und Bächen sehr gering. Trotz fortgesetzter Rodung, erkennbar an Flurnamen wie Reuthe, Unter der Reuthe, Münzreuthe, Neugländ oder Stockfeld, hielt sich die Steigerung des Lebensstandards in Grenzen. Noch bis ins 18. Jahrhundert wurde das System der Dreifelderwirtschaft angewendet. Das bedeutet: Sommerfrucht, Winterfrucht und Brache folgten einander in steter Regelmäßigkeit. Das Vieh und die Schweine wurden fast das ganze Jahr auf die Weide getrieben. Erst das Aufkommen des Klee- und Kartoffelanbaues brachte eine Intensivierung der Anbauweise und die Lockerung der starren Dreifelderwirtschaft etwa zwischen 1760 und 1780.

 

Hanfanbau- und Verarbeitung

Allerdings bot die Gemarkung geradezu ideale Voraussetzung zum Hanfanbau und vor allem zu dessen aufwendiger Verarbeitung. Hanf und Flachs waren deshalb in Rust, und natürlich in der gesamten Umgegend, die frühesten Handelsgewächse, die bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts eine große Bedeutung für das Dorf hatten.

Hanf ist eine bereits sehr lange bekannte und weltweit verbreitete Nutzpflanze zur Gewinnung von Fasern und ölhaltigen Früchten. Schon der römische Historiker und Schriftsteller Plinius der Ältere berichtet von dieser vielseitigen Pflanze. Sie stammt aus dem nördlichen Zentralasien und gehört zur Familie der Brennnesselgewächse, ist einjährig und bildet nur einen Stängel, der je nach Sorte bis zu dreieinhalb Meter hoch werden kann. Der Hanf ist zweihäusig. Die weibliche Pflanze, Mastel genannt, ist größer und reift später. In der Regel wurde die Hanfsaat im Monat Mai ausgebracht, die mit der beginnenden Sommerwärme sehr schnell zu keimen und zu wachsen begann. Nicht umsonst besagt die Redensart, dass etwas wie der Hanf wächst.

Die Reifezeit trat beim Hanf in der zweiten Augusthälfte ein. Wenn nur die Fasernutzung vorgesehen war, wurde nach Abblühen der männlichen Pflanze, rund hundert Tage nach der Aussaat, und nach Abwerfen der vergilbten Blätter, geerntet. Die männliche Pflanze, der so genannte Femmel oder Fimmel, wird zuerst reif, die weibliche zwei bis drei Wochen später. Deshalb wurden die weiblichen Stauden teilweise sogar erst im Oktober geerntet, da diese bei der Ernte des "Fimmels" noch völlig grün waren.

Die Ernte erfolgte durch herausziehen, das „liechen“, der Pflanzen. Die Frauen gingen voraus und rissen die dünneren Stängel heraus, die gesondert zusammengebunden wurden, weil sie den wertvolleren Fein- oder Spinnhanf ergaben. Ihnen nach folgten die Männer, die sich, meist mit ledernem Fingerschutz versehen, um die stärkeren Exemplare kümmerten.
Die zusammengebundenen Hanfbündel in Größe einer Getreidegarbe wurden Schauben genannte.

Um nun die Faser aus ihrer Verbindung mit dem Holz und der Rinde zu lösen, leitete man einen Fäulnis- bzw. Gärprozess, die "Rötze", ein. Dazu legte man die "Schauben" in künstlich angelegte Teiche oder gestaute Wasserläufe mit geringer Fließgeschwindigkeit, bedeckte sie mit Bohlen, die meist aus Erlenholz waren und beschwerte das Ganze mit so genannten Rötzsteinen, bis der Hanf völlig untergetaucht war.
Ließ sich nach etwa einer Woche die obere Grünschicht von den Stängeln abstreifen, kam der Hanf aus dem Wasser, sonst wäre er "verrötzt".

Die gerötzten Schauben wurden aufgebunden und auf dem Acker zum Trocknen gespreitet. Schon seit alters her versuchten die Menschen das Trocknen des Hanfes vom Wetter unabhängig zu machen. Mancherorts benutzte man so genannte "Hanfdarren". Das waren rechteckige Gruben, die mit frisch geschlagenen, grünen Pfählen belegt waren, so dass eine Art Rost entstand, auf den der Hanf gelegt wurde. Darunter wurde ein Feuer entfacht, das den Hanf dann trocknete. Daneben ersannen die Menschen auch noch allerlei andere, nicht immer ungefährliche Methoden, der Witterung ein Schnippchen zu schlagen und den Hanf, vor allem in feuchten Jahren, zu trocknen.

So berichtet uns die Dorfordnung der Gemeinde Rust von 1565: "Dieweil sich auch ettliche gelusten laßen, den Hanf in den Stuben, Bachöfen oder sonst zu dörren, auch auf den Biehnen bey Liecht zu hächeln, darauß dann unterschiedlichen mahlen Feüwer und Brünste entstanden, auch durch solche Fahrläßigkeit eine ganze Gemeinde und Bürgerschaft beschädigt werden könnte."

Beim nachfolgenden "Schleißen" d. h. Schlenzen, wurden die Stängel gebrochen und mit einem Däumling die groben Fasern abgeschlenzt. Diesen Schleiß- oder Grobhanf, der den Hauptanteil der Ernte stellte, drehte man zu kleinen Bündeln und verkaufte sie nach Gewicht zur Herstellung von Seilen und Säcken.

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Alle unter Geschichte veröffentlichten Inhalte unterliegen dem Urheber und Autor Dr. Karl-Heinz Debacher. Eine Verbreitung/Vervielfältigung ist nur durch dessen ausdrücklicher Genehmigung gestattet.

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Quellen

Debacher: Alt Rust in Bildern;

Köbele: Ortssippenbuch Rust;

Wild: Rheinhausen;

Bock: Das Kräuterbuch. Straßburg, 1551.